Manuel Lenhart, Konzeption und Design 08.11.2019

Design meets user meets technology: PUSH UX 2019

PUSH UX 2019

Ende Oktober versammelte sich wieder die bunte Welt der Designer in der alten Kongresshalle in München, um Trends aufzuspüren, Inspiration zu tanken und Kontakte zu knüpfen. Wie gewohnt ließ die Location keine Wünsche offen und man konnte die beiden Konferenztage gut umsorgt und verpflegt verbringen. Das Team um Christian Perstl und Philipp Sackl zeigte sich als sehr aufmerksamen Gastgeber, und sogar das Schlangestehen bei der mittäglichen Essensaufnahme wurde ganz nach „agiler Manier“ umgehend optimiert.

Unendliche Weiten

Fluch und Segen eines UX-Formats ist die enorme Bandbreite der Themen. Es ist quasi unmöglich, zwei Tage durchgehend relevante Themen für jeden Besucher zu bieten. Allerdings waren sämtliche Talks interessant und boten die Möglichkeit, den Horizont zu erweitern und einen Einblick in entlegene Winkel des UX-Universums zu erhalten.

Product Thinking

Eines meiner Highlights war direkt der erste Vortrag von Michael Schieben zum Product Field. Dabei handelt es sich um eine Product-Thinking-Methode die es ermöglicht, ein Produkt von allen Seiten gemeinschaftlich zu beleuchten. Teams oder Workshop-Teilnehmer können sich allen Aspekten eines Produktes annähern und recht schnell Alleinstellungsmerkmale oder Schwachpunkte ausmachen, Strategien entwickeln und vor allem ein gemeinsames Verständnis bzw. Wording entwickeln.

Ich hatte das Glück, diese Methodik in einer „Breakout Time“, einem einstündigen, frei wählbaren Workshop, praktisch anwenden zu dürfen. In kleinen Gruppen widmeten wir uns sowohl fiktiven als auch aktuellen Produkten der Teilnehmer und befüllten gemeinschaftlich mit Marker und Post-Its bewaffnet das Produkt Field. Unter der Moderation von Michael Schieben konnten wir das Erlernte anwenden und die Effizienz dieser Methode live erleben.

Inclusive Research

Lauren Isaacson richtete die Aufmerksamkeit auf die speziellen Anforderungen beim Testing durch Menschen mit Beeinträchtigungen. Das Thema der Barrierefreiheit und optimalen Usability trotz Einschränkungen gewinnt auch vor dem Hintergrund der älter werdenden Bevölkerung mehr und mehr an Bedeutung. Von der Einbeziehung gehandicapter Menschen und deren Bedürfnissen in die Produktentwicklung und ins Testing profitiert die Usability einer Anwendung im Allgemeinen. Sehr eingängig war das Beispiel des Smartphone-Interfaces, das sich gut einhändig bedienen lässt – egal, ob das Handicap eine Amputation, ein Bruch oder die schwere Einkaufstasche in der Hand ist.

EQ follows IQ

Zwei Aspekte, die zukünftig einen großen Einfluss auf unsere Arbeit als Designer und die Technologie insgesamt haben werden, sind Künstliche Intelligenz und Emotional Intelligence (EQ).

Das Thema Künstliche Intelligenz und Machine Learning hält sich nach meinem Empfinden schon mehrere Jahre in der Zone der „heißen Technologien“ und allen ist bewusst, dass hier viel Potenzial schlummert. Trotzdem scheint das Thema für die breite Masse der Webschaffenden noch in den Kinderschuhen zu stecken. Andreas Refsgaard näherte sich ihm über spielerische Experimente. Diese sind zwar recht einfach gehalten, vermitteln aber die vielen Möglichkeiten von Machine Learning. So lässt sich mit ein paar Webcam-Bildern ein Algorithmus trainieren, der z.B. Gegenstände zielsicher unterscheiden kann – Hand von Stift, Lachen von Weinen, unversehrtes von beschädigtem Produktionsmittel.

Machine Learning schafft so eine Grundlage für Künstliche Intelligenz, aber auch Emotionale Intelligenz (EQ). Pamela Pavliscak verdeutlichte in ihrem Vortrag „Design Feeling is the new design thinking“, mit welcher rasanten Geschwindigkeit die Technologie in unserem Leben nicht nur Daten zu unserem Verhalten, wie z. B. Standort, Suchanfragen, Schritte, erhebt, sondern auch immer mehr über unsere Emotionen erfährt – sei es über Webcam, Sensoren oder die Dinge, die wir online tun. Dieses Wissen über die Gefühlslage des Users bietet der „Technologie“ die Möglichkeit, der Situation entsprechend zu agieren, eine Beziehung aufzubauen oder gar Freund zu werden.

Man kann sich natürlich streiten, ob alle uns umgebenden Geräte smart sein und Daten erheben müssen, um auf unsere Befindlichkeiten zu reagieren. Aber allein die Option als Designer Maschinen, Robotern oder Interfaces emotionale Intelligenz einzuhauchen, ermöglicht es, Akzeptanz für diese neuen „Wegbegleiter“ zu schaffen und den Joy of Use zu steigern.

Echte Probleme lösen

Dass der smarte Toaster nur für zehn Prozent der Weltbevölkerung von Relevanz ist, verdeutlichte Mala Kumar von der Initiative „Open source for good“ auf GitHub. In Ihrem Vortrag „Substantive tech“ berichtete sie, wie sie sich seit Jahren für Software stark macht, die essenzielle Probleme der Mehrheit der Weltbevölkerung löst und frei verfügbar ist. 

Adieu Lorem ipsum

Sehr interessant war auch der Talk von Scott Kubie, der über das oft stiefmütterlich behandelte Thema „UX Writing“ berichtete und Wege aufzeigte, die Texterstellung von Anfang an in den Konzeptionsprozess einzubinden und zu einem Teil des Workflows zu machen. 

PUSH it!

Der Weg nach München hat sich mal wieder gelohnt, und ich kann die PUSH Konferenz jedem, der Teil des UX-Universums ist, empfehlen. Sie bietet die Chance, Inspiration zu tanken und vor allem Impulse mit ins Unternehmen zu tragen, die den Arbeitsalltag bereichern und helfen, eine noch bessere User Experience zu gestalten.