Susanne Philipp, Unternehmenskommunikation 02.10.2018

Mut, Haltung und viele Impulse beim Kommunikations­kongress 2018­

Kommunikationskongress 2018

Ganz gleich, ob man seinen persönlichen Schwerpunkt aufs Netzwerken oder die fachliche Weiterbildung legt: Für Pressesprecher, PR-Verantwortliche und Kommunikationsbeauftragte in Deutschland ist der Kommunikationskongress, veranstaltet vom Bundesverband deutscher Pressesprecher (BdP), dem Magazin Pressesprecher und Quadriga, das Branchenereignis des Jahres. Am 27. und 28. September tauschte ich mich gemeinsam mit rund 1.500 anderen PR-Professionals über das Fokusthema „Mut“ und kreative Kommunikationslösungen aus.

Da ich zum ersten Mal dabei war, reiste ich sehr gespannt zum #KK18 nach Berlin – und war schon beim Blick auf das imposante Programm komplett überfordert: Oftmals parallel luden mehr als 150 Referenten im bcc Berlin Congress Center am Alexanderplatz zu ihren Keynotes, Best Cases, wissenschaftlichen Impulsen und Workshops. Aber es half nichts, ich musste mich entscheiden und verordnete mir Mut zur Lücke. Hier habe ich meine Highlights aus zwei Tagen (und einem Abend) unter Kommunikatoren im frühherbstlichen Berlin zusammengefasst.

Branche im Wandel

Auf dem Kongress präsentierte sich das Berufsfeld Kommunikation in seiner ganzen Vielfalt:  Neben „klassischen“ Pressesprechern traf ich Experten für interne Kommunikation, Corporate Influencer, Social-Media-Experten, Spezialisten für Investor Relations etc. aus Unternehmen verschiedenster Größen und Branchen, Non-Profit-Organisationen, Beratungshäusern, Kommunikations- und Digitalagenturen. Alle verbindet die Beschäftigung mit einem tiefgehenden und rasch voranschreitenden Kulturwandel in der Kommunikation. Angesichts dieser Dynamik bewies Moderator (oder besser: Conférencier) Hajo Schumacher zum Auftakt des Events eine Menge Mut, als er auf die Bühne trat und 90 Sekunden lang gar nichts sagte (danach aber glücklicherweise viel Geistreich-Unterhaltsames).

Dass sich die Branche schrittweise digital transformiert, führte die Preisverleihung des Bundesverbands deutscher Pressesprecher vor Augen: Der Publikumspreis, der bis 2017 noch als „Pressestelle des Jahres“ ausgelobt wurde, kam nun als Preis für „Digitale Kommunikation“ daher – ein deutlicher Hinweis auf den Stellenwert von Owned Media in der Medienarbeit. Absolut verdient ging diese Auszeichnung an die Opferschutzkampagne Aus/Weg der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg.

Auch die Diskussion „Neue Helden der PR – Sind Mitarbeiter die besseren Kommunikatoren?“ über Corporate Influencer und ihre Rolle in den Unternehmen zeigte: Kommunikation kann heute zwischen vielen Kanälen wählen, um Ziele zu erreichen. Neben der Imagepflege für Organisationen sind dies auch immer häufiger Maßnahmen gegen den allgegenwärtigen Fachkräftemangel. In der Rolle des Corporate Influencers beeindruckte mich auf dem Podium insbesondere Tim Grams mit seiner professionellen Authentizität. Bei der Deutschen Bahn war er ursprünglich als Fahrdienstleiter tätig, bevor er sich aus dieser Position zum erfolgreichen Corporate Blogger und Social-Media-Redakteur entwickelte.

Professioneller Mut

Währenddessen hatten sich zehn Kolleginnen und Kollegen auf den Weg zum nahegelegenen Hotel Park Inn gemacht, um dort ihre persönliche Mutprobe zu absolvieren: Base Flying in 125 Meter Tiefe. Ich selbst hatte das freundliche Angebot dankend abgelehnt und nutzte meine Zeit lieber für den beeindruckenden Vortrag von Prof. Dr. Peter Vajkoczy. Der Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Berliner Charité berichtete über Mut und Demut in seinem faszinierenden Beruf sowie über schwierige Kommunikationsmomente mit Patienten und ihren Angehörigen.

Zurück zu meiner eigenen Branche brachte mich die Expert Session von Carsten Schulz. Als Head of Consulting bei der GIS AG und Experte für digitale Arbeitsplätze und Collaboration („Office 365 wird nicht angenommen“) widmete er sich dem Thema „Interne Kommunikation als Motor des Wandels“. Dabei ging er der Frage nach, wie man wirklich alle Mitarbeiter eines Unternehmens einbinden und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann. Die zunehmende Vielfalt der Kommunikationskanäle und veränderte Rollen in den Unternehmen seien dabei von den Kommunikatoren zu steuern.

Kommunikation mit exzellenter Haltungsnote

Einen abermaligen Switch zwischen den Disziplinen vollzog ich mit dem Besuch des Impulsvortrags von Prof. Dr. Harald Welzer. In rund 30 Minuten freier Rede erörterte der Sozialpsychologe, wie sich rechtsextremes Gedankengut unter anderem durch unachtsames Agenda-Setting der Medien via „Shifting Baseline“ in tolerierbare Bereiche unserer Wahrnehmung drängt. Für extrem wichtig hält es Welzer in unseren Zeiten, öfter zu streiten.

Direkt im Anschluss führte die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali eindrücklich vor Augen, was es persönlich bedeuten kann, dies in den Social Media zu tun und immer wieder Haltung zu zeigen. Dabei stellte sie ihre zwölf Kommunikationsregeln im Umgang mit Hasskommentaren vor – und wurde vom begeisterten Publikum mit Standing Ovations bedacht.

Politik und Kommunikation

Die traditionelle Speakers Night am Donnerstagabend im Admiralspalast eröffnete Dorothee Bär mit ihrer Galarede. Diese gestaltete die Staatsministerin für Digitalisierung charmant und unterhaltsam, sparte nach meinem Verständnis aber einen Aspekt fast aus: die Digitalisierung. Über ihr Ressort verlor Bär nur wenige Sätze, die ihren „Hang zum Internet“ mehr als persönliches Steckenpferd denn als politische Aufgabe erscheinen ließen.

Als umso erfreulicher empfand ich den Auftakt des zweiten Kongresstages mit Dr. Franziska Giffey. Das von der Party am Vorabend noch etwas mitgenommene Publikum war am Freitagmorgen rasch wieder präsent, als die Bundesfamilienministerin sehr überzeugend über Kommunikation in Krisenzeiten und ihre Prinzipien der Kommunikation sprach. Ganz pragmatisch analysierte sie den gegenwärtigen politischen Diskurs entlang der Frage „Warum ist der Politsprech so rundgelutscht?“.

Best Cases aus den Unternehmen

Einblicke in die Herausforderungen und Lösungswege größerer Unternehmen boten mir die nachfolgenden Best Cases. Im Rahmen der Impuls-Diskussion „Exzellente Unternehmenskommunikation – von den Besten lernen“ erläuterte etwa Prof. Dr. Christof E. Ehrhart von der Deutschen Post DHL Group den Stellenwert agiler Methoden in seinem Unternehmen. Über Krisenkommunikation sowie den Einsatz von Twitter und YouTube-Videos in ihrem Pharma-Unternehmen berichtete Judith von Gordon-Weichelt, Head of Global Media & PR bei Boehringer Ingelheim.

Nach einem inspirierenden Abstecher im Workshop „Mut zur Authentizität“ bei Führungskräfte-Coach Violeta Mikić führte mich mein Weg zu Nils Haupt. Der Senior Director Corporate Communications von Hapag-Lloyd beschrieb den umfassenden, aber behutsamen Change-Prozess seines 171 Jahre alten Unternehmens (CEO-Blog: ja, Social Media für Mitarbeiter: nein). Um „Transparenz und klare Worte“ ging es schließlich im Vortrag von Isolde Debus-Spangenberg aus der Unternehmens-PR von IKEA. Der Unternehmensblog, der Kernthemen wie Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Unternehmenskultur transportiert, hat sich zum wichtigsten Corporate-Kanal des schwedischen Möbelhauses entwickelt.

Resümee

Der Presseclub mit Harald Martenstein (Zeit und Tagespiegel), Julia Bönisch (SZ.de) Dr. Jan Schulte-Kellinghaus (rbb) und Ansgar Graw (Welt) bildete am Freitagnachmittag den Abschluss des Kommunikationskongresses. Die zwei Tage in Berlin boten mir Einsichten in viele unterschiedliche Change-Prozesse und begleitende Kommunikationsmaßnahmen. In den meisten Unternehmen scheint sich die Rolle von Owned Media verfestigt zu haben: Corporate Blogs und Social-Media-Kanäle sind längst neben der klassischen Pressearbeit etabliert, um Unternehmensbotschaften nach draußen zu tragen. Auch die strategische Positionierung von Führungskräften und Corporate Influencern steht in vielen Kommunikationsabteilungen auf der Tagesordnung. In der internen Kommunikation beschäftigt man sich vielfach mit der User Adoption von Intranets und Digital Workplaces. Und nicht nur bei der Wahl der Kommunikationsmittel stehen die Zeichen auf Digital: Agiles Arbeiten, ein Prinzip der Software-Entwicklung, war ebenfalls Thema beim Kommunikationskongress 2018.

Ich freue mich über viele neue Erkenntnisse, Anregungen und Kontakte zu tollen Kolleginnen und Kollegen!