30 Jahre, 30 Fragen, Blogbeitrag #16: Wird unsere Lösung mit der Zeit besser – oder nur älter?
Zu Beginn eines Projekts, sei es nun ein Website-Relaunch, ein neues geplantes Intranet oder eine individuelle Anwendung, stehen zunächst die Anforderungen im Mittelpunkt. Und natürlich geht es im Kern um die Frage: Was soll die Lösung leisten? Dabei ist für den langfristigen Projekterfolg oft entscheidender, wie gut sich die Anwendung auch weiterentwickeln lässt. Wie gut lässt sie sich in drei oder fünf Jahren noch anpassen? Wie einfach kann sie mit wechselnden Anforderungen des Unternehmens mitwachsen?
Die Tragfähigkeit einer Lösung zeigt sich erfahrungsgemäß nicht am ersten Tag, sondern am fünfhundertsten – wenn die zwanzigste Erweiterung eingebaut wird. Im schlimmsten Fall weiß dann niemand mehr genau, warum ein bestimmter Teil so umgesetzt wurde, weil die damals verantwortliche Person das Unternehmen längst verlassen hat.
Viele Systeme starten reibungslos, doch mit jeder Erweiterung werden sie langsamer, komplizierter und schwerer wartbar. Aufwand und Risiken steigen, obwohl der Kern der Lösung unverändert bleibt. Technische Qualität beweist sich also selten sofort, sondern erst im Laufe der Zeit.
Die versteckten Kosten
Der Grund für solche Probleme liegt selten in einem einzelnen Fehler. Es ist meist fehlende Erfahrung und Weitsicht, kombiniert mit einer Summe aus vielen kleinen Entscheidungen, die unter Zeitdruck getroffen wurden: eine schnelle Lösung hier, fehlendes technisches Verständnis und ein Workaround dort, eine Abhängigkeit, die man später aufräumen wollte. Jede Entscheidung wirkt für sich harmlos, doch zusammen können sie langfristige negative Auswirkungen haben und die Kosten jeder neuen Anforderung in die Höhe treiben.
Deshalb rate ich meinen Kundinnen und Kunden, regelmäßig genau hinzusehen und wichtige Fragen zu klären:
- Wie flexibel ist mein System tatsächlich?
- Wie leicht lassen sich neue Anforderungen umsetzen?
- Wird die Lösung mit jeder Änderung verständlicher oder nur komplexer?
- Können neue Entwicklerinnen und Entwickler schnell produktiv werden?
- Bleibt Zeit für technische Verbesserungen und wichtige Aktualisierungen oder nur für neue Features?
Hinter diesen Fragen steht eine einfache Wahrheit: Ein System altert nicht, weil die Technik schlecht ist, sondern weil niemand ihm die Chance gibt, besser zu werden und mitzuwachsen – oder weil es von Anfang an nicht weitsichtig genug aufgesetzt wurde. Wo allein neue Features zählen und technische Pflege immer wieder verschoben wird, ist der schleichende Verfall absehbar.
Die Bedeutung der Basis
Hier zahlt sich eine Entscheidung aus, die ganz am Anfang steht: die Wahl der Basis. Seit Jahrzehnten setzen wir auf bewährte Open-Source-Systeme wie TYPO3 und Drupal. Hinter beiden stehen große, aktive Communitys, die Sicherheitsupdates, neue Funktionen und Anpassungen an aktuelle Standards kontinuierlich vorantreiben. Eine Lösung, die darauf aufbaut, altert nicht isoliert, sondern entwickelt sich mit ihrem Fundament weiter, bleibt offen für neue Anforderungen und kann schnell auf geänderte Sicherheitslagen reagieren.
Ein proprietäres System hingegen ist nur so zukunftsfähig wie der Anbieter dahinter. Ändert dieser seine Strategie, stellt er sein Produkt ein oder verschwindet selbst vom Markt, wird die eingekaufte Lösung schnell zur Sackgasse. Open Source bietet hier einen entscheidenden Vorteil: Der Quellcode ist zugänglich, die Weiterentwicklung hängt nicht an einem einzelnen Unternehmen. Für viele unserer Kundinnen und Kunden ist diese Unabhängigkeit ein zentrales Argument.
Doch Offenheit in diesem Sinne reicht nicht allein: Ein Open-Source-System kann zwar viel, aber es nimmt einem die Pflege der eigenen Erweiterungen nicht ab. Wer Updates aus Ressourcengründen verschleppt, jahrelang aufschiebt oder individuelle Anpassungen am Kern vorbeibaut, verspielt die Vorteile, die Open Source bietet. Das stabile Fundament trägt nur, wenn man darauf sauber weiterarbeitet.
Heute bauen, morgen wachsen
Software altert nicht zwangsläufig schlecht, sondern nur, wenn man sie vernachlässigt, für Pflege und Aufräumen keine Zeit bleibt oder Weiterentwicklungen unbesonnen und nicht systemkonform erfolgen.
Bei den zahlreichen Projekten, die wir schon begleitet haben, wurde mir eines bewusst: Langfristig zählt bei einer Website oder Anwendung nicht nur, was sie als Lösung heute kann, sondern wie gut sie sich auch morgen weiterentwickeln lässt. Eine solide und vor allem gepflegte Systemgrundlage ist oft wertvoller als jede Funktion, die man kurzfristig ergänzt. Somit gehören die Frage nach langfristigen Perspektiven und der Blick nach vorne ebenso zu den wichtigen Aufgaben in der Beratung wie die gängigen Fragen nach Zielsetzung und Anforderungen – auch wenn sie zu Projektbeginn kaum jemand stellt oder hören möchte.
Über den Autor
Rüdiger Kinting
Consultant und Projektbegleiter
Seit 2002 begleitet Rüdiger bei UEBERBIT Kunden aus Mittelstand und Industrie – vom ersten Kontakt über die Konzeption bis zur Umsetzung webbasierter B2B-Projekte. Sein Ziel: das Potenzial von Webtechnologien nutzbar machen und aus Ideen tragfähige Lösungen schaffen.