30 Jahre, 30 Fragen, Blogbeitrag #15: Digitalisieren wir Komplexität – oder reduzieren wir sie?
Drei Freigabestufen, zwei Sonderwege, eine Ausnahme, deren Ursprung niemand mehr kennt. Solche Abläufe hinterfragt man bei der Digitalisierung selten – meist überträgt man sie unverändert ins neue System. Modern verpackt, aber genauso umständlich wie zuvor.
Digitalisierung vereinfacht Prozesse nicht automatisch. Oft kopiert man bestehende Abläufe digital, mitsamt allem Ballast, der sich über die Jahre angesammelt hat. Das Ergebnis: Systeme, die technisch modern wirken, aber die organisatorische Altlast von gestern mit sich schleppen. Die Technik glänzt, das Problem bleibt.
Wenn niemand mehr fragt, warum
Viele komplizierte Abläufe entstehen nicht durch Planung, sondern wachsen über die Zeit. Eine zusätzliche Freigabe hier, eine Sonderregel dort, ein Zwischenschritt für einen seltenen Ausnahmefall. Jeder Schritt hatte einmal seinen Grund. Doch in der Summe entsteht ein Prozess, den kaum jemand noch durchschaut.
Ein Systemwechsel ist der beste Moment, das zu hinterfragen. Vier Fragen helfen dabei:
- Welche Prozesse sind über die Zeit unnötig kompliziert geworden?
- Welche Regeln oder Freigaben hinterfragt niemand mehr?
- Entstehen neue Funktionen – oder nur neue Klickwege?
- Würde ein neues Teammitglied den Ablauf sofort verstehen?
KI beschleunigt, was man ihr gibt
Mit KI gewinnt dieser Zusammenhang eher an Bedeutung. Denn KI verwandelt einen organisch gewachsenen, komplizierten Prozess nicht von selbst in einen sinnvollen – sie arbeitet mit dem, was sie vorfindet. Sie kann ihn schneller durchlaufen, teilweise automatisieren und eleganter verpacken – doch die Logik dahinter bleibt. Wer Komplexität automatisiert, erhält am Ende automatisierte Komplexität.
Das ist die eigentliche Gefahr: KI kann einen umständlichen Ablauf so reibungslos wirken lassen, dass niemand ihn mehr hinterfragt. Der Schmerz, der früher zur Vereinfachung zwang, verschwindet – das Problem bleibt.
Sinnvoll wird KI erst mit einem Zwischenschritt: erst verstehen und vereinfachen, dann automatisieren. Wer vor der Digitalisierung klärt, welche Schritte nötig sind, welche Regeln noch gelten und wo Ausnahmen zur Regel wurden, schafft die Basis dafür, dass KI wirklich Aufwand reduziert – statt alte Umwege in Rekordzeit abzufahren.
Vereinfachen kommt vor Digitalisieren
Software skaliert nicht nur Effizienz, sondern auch Komplexität. Was vorher umständlich war, wird digital oft nur schneller umständlich – und mit KI potenziell noch schneller. Deshalb sollte Digitalisierung Prozesse nicht nur abbilden, sondern sie zuerst hinterfragen.
Die beste Gelegenheit, einen Ablauf zu vereinfachen, ist der Moment, bevor man ihn ins System gießt. Danach ist die Komplexität zementiert – und jede spätere Korrektur wird deutlich teurer.
Über den Autor
Frank Meyerer
Geschäftsführer, COO
Technologie ergibt für Frank erst dann Sinn, wenn sie die User voranbringt. Der Geschäftsführer von UEBERBIT begleitet Unternehmen verschiedener Branchen bei ihrer digitalen Transformation. Sein Fokus liegt auf zukunftssicheren Softwarelösungen.