30 Jahre, 30 Fragen, Blogbeitrag #14: Aus Erfahrung klug – oder einfach nur alles anders?
Am Anfang eines neuen Projekts ist die Versuchung groß: Endlich alles besser machen. Das alte System war zu langsam, zu unübersichtlich, zu umständlich. Also weg damit und von Grund auf neu.
Dieser Impuls ist verständlich. Manchmal ist er auch richtig. Aber er birgt ein Risiko, das ich in mehr als zehn Jahren Projektarbeit immer wieder beobachtet habe: Wer sich zu stark auf das Neue konzentriert, übersieht leicht, was am Alten funktioniert hat.
Viele Projekte wollen sich bewusst vom Vorgänger absetzen. Doch neu heißt nicht automatisch besser. Oft ersetzen sie bestehende Lösungen vorschnell, ohne zu verstehen, warum bestimmte Prozesse oder Entscheidungen überhaupt entstanden sind. So verschwinden nicht nur Probleme. Manchmal gehen auch wertvolle Erfahrungen verloren.
Was hinter dem Bestehenden steckt
In gewachsenen Systemen stecken selten nur Altlasten. Oft verbergen sich darin auch Antworten auf Fragen, die längst niemand mehr stellt. Ein Prozessschritt wirkt vielleicht umständlich, existiert aber, weil er vor Jahren ein konkretes Problem gelöst hat. Eine scheinbar überflüssige Freigabeschleife hat womöglich einmal einen teuren Fehler verhindert.
Wer solche Strukturen ersetzt, ohne ihren Ursprung zu kennen, holt ein gelöstes Problem leicht ungewollt zurück – nur in neuer, moderner Verpackung. Dann wird aus einem gut gemeinten Neuanfang die Wiederholung alter Fehler.
Erst ehrlich zurückblicken, dann nach vorn gehen
Bevor ein Vorhaben startet, lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf das, was schon da ist:
- Welche Probleme sollen wirklich gelöst werden?
- Was funktioniert heute überraschend gut?
- Welche Erfahrungen aus früheren Projekten wurden bewusst übernommen?
- Wird verbessert – oder nur verändert?
Besonders die letzte Frage ist entscheidend. Veränderung fühlt sich nach Fortschritt an. Aber sie ist nicht dasselbe. Verbesserung setzt voraus, dass man versteht, wovon man sich verabschiedet – und warum.
Nicht bei null anfangen, sondern verstehen
Gute Digitalisierung beginnt nicht bei null. Sie fragt zuerst, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind. Auf dieser Grundlage trifft sie bewusste Entscheidungen: Was bleibt? Was geht? Was muss wirklich neu gedacht werden?
Denn wer einfach alles anders macht, wiederholt oft dieselben Fehler in moderner Form. Wer dagegen aus Erfahrung schöpft, bewahrt Vertrautes, wo es trägt. Und er setzt dort neu an, wo es sich wirklich lohnt. Das ist weniger spektakulär als der große Neuanfang – aber deutlich nachhaltiger.
Über den Autor
Florian Gaa
Projektmanagement und Consulting
Florian bringt über zehn Jahre Erfahrung in der Beratung und Anforderungserfassung für Web-Anwendungen mit. Bei UEBERBIT begleitet er Unternehmen bei der Umsetzung ihrer digitalen Strategien – mit Fokus auf Projektmanagement, Consulting und digitaler Prozessoptimierung. Sein Anliegen: nachhaltige digitale Transformationen durch klare Kommunikation und enge Zusammenarbeit.