30 Jahre, 30 Fragen, Blogbeitrag #21: Wer bewegt unser Projekt – und wer bremst es?
Jedes Projekt hat eine offizielle Rollenverteilung: Lenkungskreis, Projektleitung, Fachabteilungen. Jedes Projekt hat aber auch ein Organigramm, das nirgends steht. Es zeigt, wer tatsächlich Einfluss nimmt. Wer dieses Organigramm nicht kennt, erlebt Widerstände, die sich hätten absehen lassen.
Projekte scheitern selten an der Technik. Sie scheitern an Menschen, deren Rolle im Vorhaben niemand klar bestimmt. Unklare Zuständigkeiten führen zu Widerständen, Verzögerungen und manchmal zu stillem Boykott.
Fünf Rollen, die jedes Projekt kennt
Stakeholder lassen sich grob in fünf Gruppen einteilen, und die Unterscheidung lohnt sich, weil jede Gruppe anders angesprochen werden will.
Betroffene arbeiten später mit der Lösung, ohne über sie zu entscheiden. Dazu gehören etwa die Redaktion, die das neue CMS nutzt, oder der Vertrieb, der Daten pflegt. Ihre Erfahrung ist wertvoll. Ihre Ablehnung ist gefährlich. Sie merken früh, ob etwas im Alltag funktioniert.
Beteiligte sitzen formal im Projekt. Ihre Rolle ist offiziell und sichtbar. Die Mitgliedschaft im Projektteam sagt aber wenig darüber aus, wie stark jemand das Vorhaben tatsächlich prägt.
Beschleuniger bringen das Projekt voran, weil sie daran glauben oder davon profitieren. Sie räumen Hindernisse aus dem Weg, treffen Entscheidungen zügig und halten das Tempo hoch. Diese Menschen zu kennen, ist in kritischen Phasen Gold wert.
Botschafter tragen das Vorhaben in die Organisation. Sie genießen Glaubwürdigkeit bei den Kolleginnen und Kollegen, oft unabhängig von ihrer Position. Was sie sagen, wirkt anders als jede offizielle Projektkommunikation.
Bremser verzögern, hinterfragen oder blockieren. Manche tun das aus Überzeugung, manche aus Sorge um den eigenen Bereich, manche schlicht aus Überlastung. Sie zu identifizieren, hat nichts mit Misstrauen zu tun. Es hilft zu verstehen, welche Bedenken im Raum stehen und wie berechtigt sie womöglich sind.
Ein ehrlicher Blick auf Ihr Projektumfeld
Diese Rollen stehen nirgends geschrieben. Man erkennt sie nur, wenn man bewusst hinschaut:
- Wer ist wirklich betroffen, und wer ist nur formal beteiligt?
- Wer treibt das Thema aktiv voran, und wer bremst eher im Hintergrund?
- Gibt es glaubwürdige Botschafter oder nur offizielle Projektrollen?
- Wissen Sie, wer Entscheidungen beeinflusst, ohne sie zu treffen?
Die letzte Frage ist meist die aufschlussreichste. In vielen Organisationen gibt es Personen, deren Meinung schwer wiegt, obwohl sie keine Entscheidungsbefugnis haben. Wer sie übersieht, wundert sich später über Widerstand aus unerwarteter Richtung.
Besonders relevant für Marketing und Kommunikation
In Website- und Intranetprojekten trifft diese Dynamik Marketing- und Kommunikationsverantwortliche besonders hart. Sie verantworten ein Vorhaben, das sie selten allein entscheiden können. Die IT beurteilt die technische Seite, das Management das Budget, die Fachabteilungen den Nutzen. Die Redaktion arbeitet am Ende täglich damit.
Wer in dieser Position die Rollenverteilung kennt, kann gezielt kommunizieren. Dem Management erklärt man den strategischen Nutzen, der IT die technische Tragfähigkeit, den Redaktionen die Erleichterung im Alltag. Eine einzige Botschaft für alle funktioniert hier nicht.
Kein Verzeichnis, sondern ein Wirkungsgefüge
Stakeholder-Analyse endet oft bei einer Liste mit Namen und Abteilungen. Das greift zu kurz. Einfluss entsteht aus Beziehungen, Interessen und Abhängigkeiten. Und das verändert sich im Lauf des Projekts. Aus einem Bremser wird ein Botschafter, sobald seine Bedenken ernst genommen werden. Ein Beschleuniger verliert an Energie, wenn das Projekt ihn ausbremst.
Wer diese Dynamik versteht, kann sie gestalten. Wer sie ignoriert, wird von ihr gesteuert.
Über den Autor
Florian Gaa
Projektmanagement und Consulting
Florian bringt über zehn Jahre Erfahrung in der Beratung und Anforderungserfassung für Web-Anwendungen mit. Bei UEBERBIT begleitet er Unternehmen bei der Umsetzung ihrer digitalen Strategien – mit Fokus auf Projektmanagement, Consulting und digitaler Prozessoptimierung, insbesondere bei Web Apps und E-Commerce. Sein Anliegen: nachhaltige digitale Transformationen durch klare Kommunikation und enge Zusammenarbeit.