Manuel Lenhart, Konzeption und Design 19.07.2026

30 Jahre, 30 Fragen, Blogbeitrag #09: Kennen wir unsere User wirklich – oder nur vom Hörensagen?

Nutzerverständnis im UX-Design

„Wir kennen unsere User." Diesen Satz höre ich in fast jedem Projekt, und fast immer stimmt er nur halb. Denn oft ist gemeint: Wir haben Personas im Intranet, wir haben Zielgruppen definiert, wir haben in einem Workshop über Nutzerinnen und Nutzer unserer Website gesprochen. Was dabei häufig fehlt: Wir haben echten Menschen bei der echten Nutzung zugesehen oder mit ihnen über ihre Bedürfnisse oder Fragen gesprochen.

Warum diese Frage wichtig ist

Viele digitale Lösungen werden für Nutzerinnen und Nutzer entwickelt, ohne dass jemals jemand mit ihnen gesprochen oder sie beobachtet hätte. So entstehen Annahmen statt Erkenntnisse – über Bedürfnisse, Probleme und Erwartungen.

Das Tückische daran: Diese Annahmen fühlen sich richtig an. Sie sind intern abgestimmt, sauber dokumentiert und in sich logisch. Das Ergebnis sind Systeme, die auf dem Papier funktionieren und im Alltag trotzdem Reibung erzeugen. User suchen Funktionen an Stellen, an denen wir sie nie vermutet hätten. Sie brechen Prozesse ab, die wir für selbsterklärend hielten. Und sie entwickeln Workarounds für Probleme, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt.

Nach vielen Jahren im UX- und UI-Design weiß ich: Die größten Erkenntnisse entstehen nicht am Whiteboard. Sie entstehen in den ersten fünf Minuten, in denen man einem Menschen dabei zusieht, wie er oder sie versucht, eine Aufgabe mit dem eigenen Produkt zu lösen.

Ein kurzer Perspektivwechsel

Überlegen Sie einmal ehrlich:

  • Wann haben Sie zuletzt echten Nutzerinnen und Nutzern zugesehen?
  • Welche Probleme erleben Ihre User tatsächlich – nicht in der Theorie, sondern im Alltag?
  • Wo unterscheiden sich Ihre Annahmen von der Realität?
  • Wissen Sie, was Menschen an Ihrem Produkt frustriert – oder nur, was vorgesehen war?

Wenn Sie bei einer dieser Fragen zögern, sind Sie in guter Gesellschaft. Genau hier setzt gutes Experience Design an: nicht mit mehr Meinungen, sondern mit mehr Beobachtung.

Vom Hörensagen zur Erkenntnis

Nutzerverständnis muss dabei kein Großprojekt sein. Schon wenige, gut vorbereitete Interviews oder Usability-Tests decken die gravierendsten Missverständnisse auf. Fünf Gespräche mit echten Nutzerinnen und Nutzern liefern oft mehr belastbare Erkenntnisse als fünf interne Abstimmungsrunden.

Entscheidend ist die Haltung dahinter: Nutzerforschung ist kein Kontrollinstrument, das Designentscheidungen absichert. Sie ist ein Kompass, der Designentscheidungen überhaupt erst möglich macht. Interface Design, das auf echtem Nutzerverständnis basiert, muss weniger erklären, weniger nachbessern und weniger Support leisten – weil es von Anfang an dort ansetzt, wo Menschen wirklich stehen.

Der entscheidende Punkt

Nutzerzentrierung entsteht nicht in Workshops allein. Sie beginnt dort, wo Unternehmen aufhören, über Nutzerinnen und Nutzer zu sprechen und anfangen, ihnen zuzuhören.

Manuel Lenhart

Über den Autor

Manuel Lenhart

Senior UX Designer

Manuel ist Experte für Konzeption und Design. Die Grundlage für User Experience und Interaction Design schafft er vor dem eigentlichen Designprozess – gemeinsam mit Mitarbeitenden aus anderen Disziplinen.