30 Jahre, 30 Fragen, #10: Bauen wir die Lösung für einen Sprint – oder für einen Marathon?
Wenn Entwicklungsprojekte unter Zeitdruck starten (und das tun sie meist), entscheiden Teams fast automatisch zugunsten der Geschwindigkeit. Sie vereinfachen die Struktur, verschieben Tests und lassen die Dokumentation knapp ausfallen. Das bleibt vernünftig, solange sie es bewusst tun. Das Problem beginnt, wenn sie diese Entscheidungen nicht als vorübergehend kennzeichnen, sondern zum Dauerzustand machen.
Was im ersten Sprint schnell gelingt, prägt die kommenden Jahre. Architektur, Codekonventionen, der Umgang mit Abhängigkeiten – all das verfestigt sich. Je länger eine Lösung läuft, desto stärker bestimmen frühe Weichenstellungen, was später möglich bleibt und was nicht.
Was kurzfristige Entscheidungen langfristig kosten
Technische Schulden sind kein abstraktes Konzept. Sie zeigen sich, wenn ein neues Feature unverhältnismäßig lange dauert, weil jede Änderung an zehn anderen Stellen Folgen hat. Sie zeigen sich, wenn neue Entwickler Wochen brauchen, um sich einzuarbeiten, weil nur die Autoren den Code verstehen. Und sie zeigen sich in wachsenden Wartungsaufwänden, während der eigentliche Mehrwert der Lösung stagniert.
Das Muster ist bekannt: Eine Lösung geht schnell in Betrieb und läuft zunächst zuverlässig. Aber mit jeder Erweiterung wird sie etwas unhandlicher, bis der Aufwand für Weiterentwicklungen den einer Neuentwicklung übersteigt. Dann ist die ursprüngliche Zeitersparnis längst aufgebraucht.
Das bedeutet nicht, dass jedes Projekt von Beginn an auf maximale Zukunftssicherheit ausgelegt werden muss. Nicht jeder Prototyp wird zum Produkt und nicht jede Anwendung muss zehn Jahre bestehen. Entscheidend ist, dass Teams bewusst festlegen, für welchen Zweck und für welche erwartete Lebensdauer sie entwickeln.
Eine pragmatische Abkürzung kann sinnvoll sein. Gefährlich wird sie, wenn niemand festhält, dass sie später überprüft oder ersetzt werden muss. Aus einer vorläufigen Lösung wird dann schleichend das Fundament des gesamten Systems.
Woran man den Unterschied erkennt
Eine Lösung, die für den Dauerbetrieb gebaut wurde, lässt sich nach 12 bis 24 Monaten erweitern, ohne dass man erst das Fundament sanieren muss. Neue Entwickler finden sich im Code zurecht, weil Struktur und Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert sind. Änderungen und neue Features verursachen kalkulierbaren Aufwand, weil die Architektur Veränderungen ermöglicht statt erschwert.
Ob eine Lösung tragfähig ist, zeigt sich deshalb nicht nur daran, ob sie heute funktioniert. Entscheidend ist, ob sie sich morgen noch verstehen, testen und kontrolliert verändern lässt.
Qualitätssicherung gehört in den Entwicklungsprozess, nicht ans Ende. Wer Qualität nachträglich „repariert“, zahlt doppelt: einmal in der Entwicklung, einmal im Betrieb.
Wer sie von Anfang an berücksichtigt, vermeidet nicht jeden späteren Aufwand. Er sorgt aber dafür, dass dieser Aufwand beherrschbar bleibt.
Dabei geht es nicht darum, jede denkbare Anforderung vorwegzunehmen. Gute Entwicklung schafft keine perfekte Architektur für eine unbekannte Zukunft. Sie schafft klare Strukturen, überprüfbare Annahmen und ausreichend Spielraum für Veränderungen.
Vibe Coding beschleunigt auch technische Schulden
Mit KI-gestützter Entwicklung wird dieser Zusammenhang noch wichtiger. Vibe Coding ermöglicht es, Ideen in sehr kurzer Zeit in funktionierende Anwendungen zu verwandeln. Das ist ein grosser Fortschritt. Es erhöht aber auch das Risiko, einen überzeugenden Prototyp mit einer belastbaren Lösung zu verwechseln.
Denn KI-generierter Code optimiert zunächst auf das sichtbare Ergebnis. Die Funktion läuft, die Oberfläche reagiert und der Anwendungsfall lässt sich demonstrieren. Ob die Architektur erweiterbar ist, Sicherheitsanforderungen erfüllt sind, Abhängigkeiten sinnvoll gewählt wurden oder Tests kritische Fehler erkennen, bleibt dabei leicht im Hintergrund.
Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht darin, dass KI grundsätzlich schlechten Code erzeugt. Auch von Menschen geschriebener Code kann schlecht strukturiert oder nur kurzfristig gedacht sein. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der aus einer Idee eine scheinbar fertige Anwendung entsteht.
Je schneller ein Prototyp überzeugt, desto grösser ist die Versuchung, ihn direkt weiterzuverwenden. Er wird intern präsentiert, mit echten Daten verbunden und um weitere Funktionen ergänzt. Aus einem Experiment wird schrittweise ein Produktivsystem, ohne dass bewusst geprüft wurde, ob das technische Fundament dafür geeignet ist.
Vibe Coding beschleunigt damit nicht nur die Entwicklung. Es beschleunigt auch die Entstehung und Verfestigung technischer Entscheidungen. Fehlerhafte Annahmen, unklare Strukturen und unnötige Abhängigkeiten können sich schneller verbreiten als in einer klassischen Entwicklung.
Gerade deshalb braucht KI-gestützte Entwicklung klare Übergänge: Was ist ein Experiment? Was ist ein Prototyp? Was darf produktiv genutzt werden? Und an welchem Punkt müssen Architektur, Sicherheit, Tests und Wartbarkeit systematisch geprüft werden?
Der entscheidende Punkt
Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit schließen sich in der Entwicklung nicht aus. Sie stehen aber in einem echten Zielkonflikt, der bewusst gesteuert werden muss. Ein schneller Start ist ein legitimes Ziel. Eine Lösung, die nur auf Tempo setzt, ist es meist nicht.
Vibe Coding macht professionelle Softwareentwicklung deshalb nicht überflüssig. Es verschiebt ihren Schwerpunkt. Weniger Zeit fliesst in die erste Umsetzung. Mehr Aufmerksamkeit muss in die Bewertung, Prüfung und Härtung der entstandenen Lösung fliessen.
Die Aufgabe von Entwicklern verändert sich damit. Sie schreiben nicht mehr zwingend jede Zeile selbst. Sie müssen aber weiterhin verstehen, welche Entscheidungen im Code stecken, welche Risiken entstehen und ob die Lösung den Anforderungen eines dauerhaften Betriebs genügt.
Die relevante Frage lautet deshalb:
Wissen wir, welche Entscheidungen wir heute für die Geschwindigkeit treffen, auch wenn ein Teil des Codes von einer KI erzeugt wurde, und was sie uns morgen kosten werden?
Über den Autor
Frank Meyerer
Geschäftsführer, COO
Technologie ergibt für Frank Meyerer erst Sinn, wenn sie die User voranbringt. Der Geschäftsführer von UEBERBIT begleitet Unternehmen verschiedener Branchen bei ihrer digitalen Transformation. Sein Fokus liegt auf zukunftssicheren Softwarelösungen.