Manuel Lenhart, Konzeption und Design 19.06.2026

30 Jahre, 30 Fragen, #5: Ist unser Design begründet oder Geschmackssache? Oder gar Chefsache? 

Ist unser Design begründet oder Geschmackssache? Oder gar Chefsache? 

„Form follows function“ – diese berühmte Formel prägte der Architekt Louis Sullivan in einem Essay über die Gestaltung früher Hochhäuser. Er forderte, dass die Form eines Bauwerks aus seinem Zweck, seiner Nutzung und seinem „Wesen“ hervorgehen muss – nicht aus bloßer Dekorlaune oder historisierender Nachahmung. Für Sullivan war Funktionalität jedoch mehr als Technik: Auch Ästhetik zählte für ihn dazu, denn sie vermittelt Bedeutung und Wert. 

Fragen, bevor ein Design entsteht 

Sullivans Leitsatz hat sich in vielen Bereichen durchgesetzt und ist im UX- und Interface-Design zum Mantra geworden. Um eine „Form“ zu bestimmen, muss man die „Funktion“ verstehen – die grundlegenden Bedingungen für ein Design. Damit verbunden ist ein Verständnis für … 

… die Nutzenden: 
Wem begegnet diese Lösung? Mit welchen Erwartungen, Vorerfahrungen, Zielen?  

… den Kontext: 

In welcher Situation, auf welchem Gerät, in welchem Moment? Der Kontext verändert vieles. 

… Ziele und Wirkung 

Was soll die Lösung bewirken – für das Unternehmen, den Prozess, die Beziehung zur Zielgruppe? 

… Rahmenbedingungen 

Welche Vorgaben gibt es – vom Corporate Design bis zu technischen und rechtlichen Anforderungen? 

… Werte und Haltung 

 Was soll die Lösung über das Funktionale hinaus kommunizieren? Wie beeinflusst sie Wahrnehmung und Vertrauen? 

… der Erfolgsmaßstab 

Woran erkennt man, dass das Design funktioniert hat? 

Wenn das Bild vor der Aufgabe kommt 

Oft fordern Ausschreibungen bereits Design-Entwürfe – manchmal sogar mehrere. Das birgt zwei Probleme: Erstens können solche Entwürfe in einer frühen Phase nur Geschmacksmuster sein. Sie mögen das Talent der Designerin oder des Designers zeigen, erfüllen aber noch nicht die später definierten Anforderungen. Zweitens prägen diese „Bilder“ das Projekt frühzeitig, beeinflussen die Konzeptionsphase und nehmen Ergebnisse vorweg. Doch gutes Design kennt keine Abkürzungen. Wer Design auf Geschmack reduziert, macht aus einer lösbaren Aufgabe eine unlösbare. 

Neben der Gestaltung selbst liegt es an uns, in Organisationen eine gemeinsame Sprache für Design-Entscheidungen zu etablieren. Klare, überprüfbare Kriterien verhindern, dass Geschmack zum alleinigen Maßstab wird. Denn wo Geschmack regiert, dominiert oft die Hierarchie, wird die Beurteilung zur Chefsache.

Gutes Design orientiert sich an Zielen, Nutzenden und Kontext

Design-Entscheidungen lassen sich begründen – und damit diskutieren, überprüfen und verbessern. Der Maßstab ist die Wirksamkeit. Die zentralen Fragen lauten: Versteht die Zielgruppe, was gemeint ist? Findet sie, was sie sucht? Handelt sie wie beabsichtigt? 

Diese Fragen müssen gestellt werden, bevor jemand sagt, ob ihm etwas gefällt. Organisationen, die das verinnerlichen, gewinnen mehr als gutes Design: Sie schaffen eine gemeinsame Sprache für Qualität – die Grundlage für fundierte Entscheidungen.  

Das schränkt Design nicht ein, sondern macht es erst möglich. Es erlaubt, frei zu gestalten und dabei etwas zu schaffen, das Menschen nicht nur erreicht, sondern bewegt. Design, das Vertrauen weckt, Orientierung gibt und vielleicht sogar Freude auslöst. Design, das auf diesem Fundament entsteht, muss nicht zwischen Funktion und Ästhetik wählen. Es vereint beides, weil es beides versteht. 

Manuel Lenhart

Über den Autor

Manuel Lenhart

Senior UX Designer

Manuel ist Experte für Konzeption und Design. Die Grundlage für User Experience und Interaction Design schafft er vor dem eigentlichen Designprozess – gemeinsam mit Mitarbeitenden aus anderen Disziplinen.