Stefan Scholz, Leitung IT & Entwicklung 13.07.2026

30 Jahre, 30 Fragen, Blogbeitrag #07: Nehmen wir nur Daten mit – oder auch Verständnis?

Daten richtig migrieren

„Wir müssen nur noch die Daten rüberziehen." Wenn ich diesen Satz höre, werde ich hellhörig. Denn er klingt nach dem einfachsten Teil eines Projekts – und beschreibt in Wahrheit oft den heikelsten. Eine Datenmigration ist selten ein reiner Kopiervorgang. Sie ist ein Umzug, bei dem sich zeigt, was ein Unternehmen über seine eigenen Daten wirklich weiß.

Warum diese Frage wichtig ist

Datenmigration bedeutet nicht nur, Informationen von einem System ins nächste zu übertragen. In Daten stecken gewachsene Prozesse, Bedeutungen und historische Entscheidungen: das Feld, das seit Jahren zweckentfremdet wird. Die Statuskennung, die nur die Kollegin aus der Buchhaltung korrekt deuten kann. Der Sonderfall von 2014, der bis heute eine eigene Tabelle hat.

Wenn dieses Verständnis fehlt, werden Probleme häufig einfach mitmigriert – nur in neuer technischer Umgebung. Das neue System startet dann mit den Altlasten des alten. Technisch ist die Migration gelungen, inhaltlich hat sich nichts verbessert. Und die Chance, mit dem Systemwechsel auch inhaltlich aufzuräumen, ist vertan.

Nach vielen Jahren in der IT weiß ich: Die kritischen Momente einer Migration liegen nicht im Transfer selbst. Sie liegen davor – in den Gesprächen darüber, was die Daten bedeuten, wer sie nutzt und was davon morgen noch gebraucht wird.

Ein kurzer Perspektivwechsel

Überlegen Sie einmal ehrlich:

  • Wissen Sie, welche Daten für Ihr Unternehmen wirklich relevant sind?
  • Gibt es Informationen, deren Bedeutung nur einzelne Personen kennen?
  • Welche Altlasten würden bei einer Migration automatisch übernommen?
  • Wird Wissen dokumentiert – oder nur verschoben?

Wenn Sie bei einer dieser Fragen zögern, sind Sie in guter Gesellschaft. In fast jedem Unternehmen gibt es Datenbestände, deren Logik nur noch in den Köpfen weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter existiert. Eine Migration ist der Moment, dieses Wissen sichtbar zu machen – bevor es mit dem alten System verschwindet.

Vom Verschieben zum Verstehen

Gutes Migrationsdesign beginnt deshalb mit einer Bestandsaufnahme, die über Tabellen und Formate hinausgeht: Welche Prozesse hängen an diesen Daten? Welche Entscheidungen von damals prägen die Strukturen von heute? Und was davon soll die Zukunft mitgestalten – und was nicht?

Das kostet am Anfang Zeit, zahlt sich aber doppelt aus. Zum einen wird das neue System schlanker, konsistenter und wartbarer. Zum anderen entsteht dabei etwas, das viele Unternehmen vorher nicht hatten: eine dokumentierte, gemeinsame Sicht auf die eigenen Daten. Die Migration wird so vom technischen Pflichtprogramm zum Erkenntnisgewinn.

Der entscheidende Punkt

Gute Migration überträgt nicht einfach alles. Sie hilft zu verstehen, welche Daten, Strukturen und Prozesse künftig wirklich gebraucht werden. Denn nicht jede Vergangenheit muss Teil der Zukunft bleiben.

Stefan Scholz, UEBERBIT

Über den Autor

Stefan Scholz

CTO/CIO

Mit 30 Jahren Erfahrung im IT-Bereich ist es ein zentrales Anliegen von Stefan Scholz, die IT-Systeme seiner Kunden sicher und erfolgreich zu betreiben und weiterzuentwickeln. Als Geschäftsleiter unserer Technik und Innovation zählt IT-Migration zu seinem täglichen Geschäft.